Die Lebensläufer

Chancen sind viele vergeben worden beim Auslaufen der Magister- und Diplomstudiengänge, die an vielen Universitäten nur noch die „alten Studiengänge“ heißen. Für die einen dabei im Sinne von „altmodisch“ und auf obskure Art ohne jegliche Anschlussfähigkeit an die eigene Lebenswelt, für die anderen im Sinne von „alt und bewährt“, freilich meist ohne reflektiertes Verhältnis zu den damit einher gehenden Privilegien und Lasten.

Mit ihrem Auslaufen also verpassen nicht nur die Hochschulen einen paradigmatischen Wechsel. Denn mit der – in vielerlei Hinsicht notwendigen – Umstellung auf die Bachelor/Master-Abschlüsse erleben wir auch eine Veränderung in der studentischen Kultur und infolgedessen auch zukünftiger Unternehmenskultur.
Das Gros der Studierenden erlebt Universität mittlerweile als eine durchgetaktete Serie von Veranstaltungen und findet sich getrieben vom folgenschweren Drang nach Mehrung des ECTS-Guthabens.

Dass damit nicht nur die Universitäten zu kämpfen haben, zeigt der Blick in die Lebensläufe derer, die sie nun verlassen.

Was sich derzeit abzeichnet, ist ein Streben nach lückenloser linearer Progression. Studium punktgenau und perfekt, Ausland mit Austauschprogramm, Praktika mit Praxisbezug. Wer seinen Auslandsaufenthalt auf eigene Faust und womöglich ohne das Erreichen der gewissen ECTS-Punkte oder aber Praktika in – auf den ersten Blick – abwegigen Branchen absolviert, fällt damit sogleich aus der Reihe. Ob er damit am Ende einen Nachteil wird erleiden müssen, entscheidet der Auswahlprozess, entscheiden Angebot und Nachfrage, könnte man naiv behaupten.

Ob es aber dazu kommt, erscheint indes fraglich. Denn vielen ist die Dualität (Studium + Praxis) so sehr eingeimpft, dass sie andere Möglichkeiten gar nicht mehr berücksichtigen. Sabbaticals in Unternehmen erfreuen sich hingegen wachsender Beliebtheit. Auf beiden Seiten.

Wenn wir heute den Studierenden zu intensiv den Praxisbezug abverlangen, leidet gerade dieser als erster darunter. Denn – selbst die genuinen Ausbildungsstudiengänge sind davon nicht ausgenommen – gerade das Wechselspiel verschiedener Eindrücke ist es, was Charakter und Persönlichkeit formt, ist es auch, was den Entschluss reifen lässt, der zu ergreifende Beruf passe zu einem. Wer jedoch von Beginn an nur einen Beruf, schlimmstenfalls ein einziges Unternehmen nur kennenlernt, dem fehlt notwendigerweise die Trennschärfe, seinen Eindrücken Mannigfaltigkeit abzugewinnen.

Lautet das Ziel jedoch, Führungskräfte auszubilden, benötigt es dafür Studierende mit Entscheidungskompetenzen. Nicht mit Kompetenzen im Abarbeiten vorgefertigter Curricula.
Nur dann kann einem Lebenslauf Persönlichkeit abzugewinnen sein. Nur dann gibt es Sprints, Querfeldein- und Dauerläufe. Und immer noch genügend Mittelstreckenläufe.

Die Unternehmen sind also gut beraten, bei ihrer Rekrutierung Konformität zugunsten Individualität einzulösen. Da sich die Universitäten zunehmend darin überbieten, den Wünschen und Bedürfnissen der Wirtschaft nachzukommen, kann nur von hier ein wirkungsvoller Impuls kommen. Die Unternehmenskultur kommender Jahre wird es der Wirtschaft danken. Und die Lebensläufer auch.