Zur „Neuen Offenheit“

Die (schnelle) Veröffentlichung der Dokumente aus den Koalitionsverhandlungen hat mich ein paar Gedanken notieren lassen, inwieweit das Auswirkungen auf die Public Affairs Branche hat.

Malte Spitz, der die 3. Fassung des KV bei gruen-digital.de am Montagabend online gestellt hatte, hat sich jetzt in seinem Blog dazu geäußert. Titel seines Postings: „Eine neue Offenheit“.

Die meisten seiner Argumente – wenngleich etwas stärker medienkritisch beleuchtend – fanden sich vorgestern schon in Stefan Niggemeiers Blogeintrag zu Spitz‘ Veröffentlichung (und dem Umgang der Printmedien damit).

Zwei Beobachtungen lassen sich formulieren: Weiterlesen

Warum eigentlich Public Affairs?

Im Zuge meines dreimonatigen Praktikums in einer Kommunikationsberatung habe ich in unregelmäßigen Abständen Mailings für die Daheimgebliebenen und die in alle Winde Verstreuten geschrieben und einige Eindrücke gesammelt. Einiges davon ist weder zu persönlich, noch zu wenig allgemein, um es auch an dieser Stelle zu teilen.

Warum eigentlich Public Affairs?
Wikipedia nennt Public Affairs „das strategische Management von Entscheidungsprozessen an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.“ Dem ist aus der Binnensicht nichts hinzuzufügen :-)
Etwas fassbarer wird’s, wenn man sich misslungene Beispiele ansieht. Etwa die Markteinführung von E10, also Treibstoff mit erhöhtem Ethanolgehalt. Hätte man das ganze zu Beginn anders angefasst, wäre es vielleicht kein so großes Thema geworden. Auf den zweiten Blick zeigt sich anhand dieses Beispiels aber auch, das Public Affairs auf „beiden Seiten“ betrieben werden kann. Eines der möglichen Mittel, um die E10 Kampagne anzuheizen, waren beispielsweise virale Aktionen (etwa via facebook) oder aber das Lancieren von Interviews in überregionalen Tageszeitungen. Den Rest besorgt dann die Eigendynamik von Angst, Halbwissen und Verschwörungstheorien…

Wer sich unter all dem nichts vorstellen oder den Begriff Public Affairs noch nicht gehört hat, kann sich übrigens in der (leichten) Mehrheit wähnen. Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass knapp mehr als die Hälfte der Befragten noch nie etwas von „Public Affairs“ gehört und nur jeder Fünfte weiß, was Lobbyisten tun.

Einige Sätze vielleicht noch zu dem ganzen Themenfeld Lobbyarbeit. Ja, es gibt Lobbyisten. Ja, das ist kritisch zu sehen (und zwar im Sinne von beobachten, nicht schlicht von einschätzen).
Man muss nur einmal eine Tagesordnung im Bundestag (hier die von vor genau einer Woche) gelesen haben, um ein Bild davon zu bekommen, wie komplex und wie speziell die Themen sind, über die unsere Abgeordneten zu entscheiden haben. Unseren Volksvertretern stehen natürlich zur fachlichen Unterstützung ihre Referenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter zur Verfügung. Aber auch die gelangen irgendwann an ihre – und sei’s nur zeitlichen – Grenzen. Und jetzt kommt die Gretchenfrage: Wollen wir wirklich, dass unsere Bundestagsabgeordneten die Gesetze schreiben‽ Ich nicht. Da ist’s mir lieber, wenn das diejenigen machen, die sich intensiv mit den Themen auseinander gesetzt haben. Und die dafür sorgen, dass die Gesetze rechtlich wasserdicht sind und nicht gleich von einem Gericht kassiert werden.
Der Punkt ist aber, dass jemand darüber entscheiden muss, welches der vorzugswürdige Entwurf ist. Und an der Stelle möchte ich, dass darüber Menschen befinden, die „einfache Leute“ sind, einen – idealiter – gesunden Menschenverstand haben. Das ist nicht mehr Arbeit von Experten.

Das Problem ist nun, dass diese im Hintergrund ablaufende Arbeit (Wer schreibt die Gesetzesentwürfe, wer zirkuliert sie an wen, ab wann ist wer eingebunden…) unter Ausschluss der Öffentlichkeit läuft. Das schafft verständlicherweise Irritationen und Skepsis, schlimmstenfalls Resignation und Ohnmacht.
Es soll diesen berechtigten Einwand nicht entkräften, kann aber mindestens als Erläuterung dienen, wenn man darauf hinweist, wie eng Journalisten oft an politischen Prozessen dran oder in sie eingebunden sind. Von ihnen jedoch zu verlangen, alles das, was sie unter drei erfahren, gleich zu veröffentlichen, ist naiv. Ebenso verhält es sich mit funktionierender Interessenvertretung. Allein, zu einem Gentlemen’s Agreement gehört immer mehr als nur ein Gentleman.