Gesundheit & Alter vom 10.11.2009

„Mit den Dritten noch gut lachen? – med. Versorgung im Alter“

Nach einer knappen Einführung in die Themenproblematik durch den Veranstalter setzte Herr Thomas Wudtke, Fachberater im Gesundheitswesen und selbstständiger Unternehmensberater die Einführung mit seinem Eingangsreferat fort:

Mit dem Erreichen des Rentenalters der geburtenstarken Jahrgänge aus den 60ern und 70ern sei ein starker Preisanstieg im Gesundheitswesen zu erwarten. Ein Umdenken vom umlagefinanzierten Verfahren Bismarcks, das zwar seinen Vorteil in der Inflationssicherheit habe, sei aber aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und der veränderten relativen Lebensarbeitszeiten dringend nötig. Dabei ist die Problematik bereits seit langem bekannt und eine Umstellung auf ein kapitalgedecktes System sinnvoll möglich, wenn es risikoscheu aufgestellt werde.

„Man sollte die Leute nicht für so dumm halten, sie könnten nicht selbst für sich sorgen“, so Wudtke. Derzeit sei festzustellen, dass das Gesundheitswesen „kastriert“ werde durch Regulierungen, die dem medizinischen Personal wichtige Entscheidungsfreiheiten nähmen. So sei das Niederlassen, die Fachrichtung und die Budgetierung durch die Kassenärztliche Vereinigung vorgegeben, im Kreis Steinburg fehlten mit dem heutigen Tage 19 volle Vertragsarztstellen.

Ein mögliches Modell der Finanzierung einer medizinischen Grundsicherung sei die Kopfpauschale, deren Grundzug Herr Wudtke am Flipchart vorrechnete.

Dabei werden die Arbeitgeber angesichts sinkender Beitragssätze im Vergleich zu den derzeitigen Sätzen sicherlich nicht zögern, sich weiterhin hälftig zu beteiligen, so Wudtke auf Nachfrage aus dem Plenum.

Für Lars Timm, Kaufmännischer Direktor der RegioKliniken, stand die Frage im Mittelpunkt, wer in Zukunft denn die Leistungen im Gesundheitssektor erbringen solle. Aktuell nehme dieser bereits eine Schlüsselposition in Deutschland ein, arbeiteten doch über 10% aller Erwerbstätigen in diesem Bereich.

Im Klinikalltag halte zunehmend die Betriebswirtschaft Einzug, um der Kostenexplosion Einhalt zu gebieten. Im Zuge der Globalisierung führt das dazu, dass bisweilen sogar über die Staatsgrenzen hinaus Einkaufsgemeinschaften gebildet werden, um die Kosten zu reduzieren. Parallel werden von den Patienten Zuzahlungen verlangt und die Verweildauer durch diagnosebezogene Fallpauschalen gesenkt. Der Kostendruck wird noch dadurch verschärft, dass zwar die Einnahmen regional angepasst werden, die Ausgaben durch Tariflöhne etc. jedoch weitgehend gleich bleiben. Dadurch sei es bereits jetzt schwierig, kompetentes Personal zu rekrutieren.

Die Zukunft liege in der Etablierung Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) oder ihnen ähnlichen Einrichtungen. Das führe dazu, dass redundante Diagnostikmaßnahmen und unnötige Wegekosten vermieden und die Personalkräfte gebündelt werden könnten.

Im Plenum erinnerte ein Zuhörer daran, dass im Koalitionsvertrag vereinbart sei, die Schaffung neuer MVZ zu vermeiden. Herr Timm verwies darauf, dass diese auch seiner Ansicht nach grundsätzlich in Ärztehand bleiben sollten, so komme es derzeit in seinem Tätigkeitsbereich zu Lösungen wie der Bildung einer Holding aus Klinik und Ärzten, um gemeinsam ein MVZ zu betreiben.

Thomas Eisenreich, Vorstand der evangelischen Stiftung Alsterdorf, mahnte, „wir alle vermeiden das Wort Rationierung im Gesundheitswesen, genau das ist jedoch der Fall.“ Deshalb müsse man auch die Ehrlichkeit haben, zu sagen, so lasse sich auf Dauer keine patientengerechte Pflegeversorgung darstellen.

In den Pflegeheimen jedoch erschwerten Regulierungen zusehends den Pflegealltag, während in der ambulanten Pflege die „Hospitalisierung in der eigenen Häuslichkeit“ in Kauf genommen werde. Und während der Trend zur ambulanten Pflege stetig zunehme, werde politisch und gesellschaftlich außer Acht gelassen, dass man die Angehörigen mit einer Flut von Formularen, rechtlichen Unsicherheiten und enormer Verantwortung oftmals allein lasse.

Aktuell sei zurecht darauf hingewiesen worden, wie viele Tode in den Statistiken unberechtigt als einer natürlichen Ursache geschuldet auftauchen.

Auch werde der Ansatz „Reha vor Pflege“ nicht optimal umgesetzt. Die Befähigung alter Menschen müsse noch intensiver vorangetrieben werden, damit es zu folgenschweren Verletzungen gar nicht erst komme. Treten diese erst einmal auf, sei eine Genesung oft kaum mehr möglich, in der Folge weitere Verletzungen durch Stürze o.ä. sehr wahrscheinlich.

Zusätzlich Schwierigkeiten bereite dem ohnehin komplexen Feld auch die Gemengelage der unterschiedlichen Interessen und Perspektiven von Angehörigen, Patientinnen und Patienten, medizinischem Personal, Kassen, Gesetzgeber uvm.

Ein angemessener gesellschaftlicher Diskurs ist außerdem dadurch erschwert, dass die meisten Krankheitsbilder kaum hinreichend bekannt sind.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Menschen durchaus bereit sind, für eine gute Gesundheitsversorgung entsprechend zu zahlen. Man erkenne das an der Zahlungsbereitschaft für Krankenzusatzversicherungen, so ein Zuhörer mit Erfahrungen im Vertrieb.

Andererseits klaffe eine große Lücke zwischen der Zahlungsbereitschaft für – im weitesten Sinne – Gesundheit einerseits und Ausgaben für Tabakwaren oder Prestigeprodukte wie z.B. Flachbildfernseher. Herr Eisenreich konnte diese Beobachtung dahingehend ergänzen, dass neben der Landflucht auch eine Flucht aus sozialen Brennpunkten zu beobachten sei, wo es wenige Patientinnen und Patienten gibt, die mehr als nur die Grundversorgung zu zahlen fähig oder bereit sind.

Herr Wudtke stellte heraus, dass dies vor allem ein Marketing-Problem sei. Gesundheit werde immer noch nicht als Ware verstanden. Das habe zur Folge, dass viele Menschen noch davon ausgehen, grundversorgt zu sein und keine Investitionen in ihre Gesundheit tätigen zu müssen. Auf der anderen Seite gingen bei den Apotheken mehr der sogenannten over-the-counter (OTC) Produkte über den Ladentisch als rezeptpflichtige, wusste Herr Eisenreich zu berichten. Die Bereitschaft sei also in vielen sehr wohl Fällen vorhanden, in die eigene Gesundheitsversorgung zu investieren.

Alle Referenten waren sich darin einig, dass wir aus der derzeitigen Vollkasko-Mentalität herauskommen müssen, um klarzustellen, dass der Staat lediglich eine Grundversorgung sicherstellen kann, will er sich finanziell nicht übernehmen. Darüber hinaus obliege es dem Einzelnen, eine passende Versorgung für sich sicherzustellen.

Ein Zuhörer erinnerte daran, dass bei der ganzen volks- und betriebswirtschaftlichen Betrachtung völlig außer Acht gelassen werde, dass das medizinische Personal als Leistungserbringer durchaus in moralische Schwierigkeiten geraten könne, wenn es sich frage, weshalb Patientinnen oder Patienten vorzuziehen seien, lediglich weil sie zahlungsfähiger, bzw. besser versichert seien. Diese Problematik ließe sich nicht lösen, solange dieser Unterschied bestehen bleibe.

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