Warum eigentlich Public Affairs?

Im Zuge meines dreimonatigen Praktikums in einer Kommunikationsberatung habe ich in unregelmäßigen Abständen Mailings für die Daheimgebliebenen und die in alle Winde Verstreuten geschrieben und einige Eindrücke gesammelt. Einiges davon ist weder zu persönlich, noch zu wenig allgemein, um es auch an dieser Stelle zu teilen.

Warum eigentlich Public Affairs?
Wikipedia nennt Public Affairs „das strategische Management von Entscheidungsprozessen an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.“ Dem ist aus der Binnensicht nichts hinzuzufügen :-)
Etwas fassbarer wird’s, wenn man sich misslungene Beispiele ansieht. Etwa die Markteinführung von E10, also Treibstoff mit erhöhtem Ethanolgehalt. Hätte man das ganze zu Beginn anders angefasst, wäre es vielleicht kein so großes Thema geworden. Auf den zweiten Blick zeigt sich anhand dieses Beispiels aber auch, das Public Affairs auf „beiden Seiten“ betrieben werden kann. Eines der möglichen Mittel, um die E10 Kampagne anzuheizen, waren beispielsweise virale Aktionen (etwa via facebook) oder aber das Lancieren von Interviews in überregionalen Tageszeitungen. Den Rest besorgt dann die Eigendynamik von Angst, Halbwissen und Verschwörungstheorien…

Wer sich unter all dem nichts vorstellen oder den Begriff Public Affairs noch nicht gehört hat, kann sich übrigens in der (leichten) Mehrheit wähnen. Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass knapp mehr als die Hälfte der Befragten noch nie etwas von „Public Affairs“ gehört und nur jeder Fünfte weiß, was Lobbyisten tun.

Einige Sätze vielleicht noch zu dem ganzen Themenfeld Lobbyarbeit. Ja, es gibt Lobbyisten. Ja, das ist kritisch zu sehen (und zwar im Sinne von beobachten, nicht schlicht von einschätzen).
Man muss nur einmal eine Tagesordnung im Bundestag (hier die von vor genau einer Woche) gelesen haben, um ein Bild davon zu bekommen, wie komplex und wie speziell die Themen sind, über die unsere Abgeordneten zu entscheiden haben. Unseren Volksvertretern stehen natürlich zur fachlichen Unterstützung ihre Referenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter zur Verfügung. Aber auch die gelangen irgendwann an ihre – und sei’s nur zeitlichen – Grenzen. Und jetzt kommt die Gretchenfrage: Wollen wir wirklich, dass unsere Bundestagsabgeordneten die Gesetze schreiben‽ Ich nicht. Da ist’s mir lieber, wenn das diejenigen machen, die sich intensiv mit den Themen auseinander gesetzt haben. Und die dafür sorgen, dass die Gesetze rechtlich wasserdicht sind und nicht gleich von einem Gericht kassiert werden.
Der Punkt ist aber, dass jemand darüber entscheiden muss, welches der vorzugswürdige Entwurf ist. Und an der Stelle möchte ich, dass darüber Menschen befinden, die „einfache Leute“ sind, einen – idealiter – gesunden Menschenverstand haben. Das ist nicht mehr Arbeit von Experten.

Das Problem ist nun, dass diese im Hintergrund ablaufende Arbeit (Wer schreibt die Gesetzesentwürfe, wer zirkuliert sie an wen, ab wann ist wer eingebunden…) unter Ausschluss der Öffentlichkeit läuft. Das schafft verständlicherweise Irritationen und Skepsis, schlimmstenfalls Resignation und Ohnmacht.
Es soll diesen berechtigten Einwand nicht entkräften, kann aber mindestens als Erläuterung dienen, wenn man darauf hinweist, wie eng Journalisten oft an politischen Prozessen dran oder in sie eingebunden sind. Von ihnen jedoch zu verlangen, alles das, was sie unter drei erfahren, gleich zu veröffentlichen, ist naiv. Ebenso verhält es sich mit funktionierender Interessenvertretung. Allein, zu einem Gentlemen’s Agreement gehört immer mehr als nur ein Gentleman.

Empörungsinvestigativjournalismus

Vorab: Die Recherchen von NDRInfo sind in den letzten Wochen (easycash) und Monaten (HSH Nordbank) ein positives Beispiel für den in Deutschland gut funktionierenden Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, der mit seinem Auftrag und dank seiner Ausstattung investigativen Journalismus ermöglicht, den die privaten Anbieter meist vermissen lassen.
Heute morgen jedoch brüstet sich der NDR mit der „Enthüllung“, die HaSpa erstelle von ihren Kunden psychologische Profile. Und das ohne vorher deren Einverständnis eingeholt zu haben. Nein!
Erst einmal bezweifle ich, dass die von der HaSpa erstellten Profile wirklich psychologisch, d.h. wissenschaftlich erstellt worden sind. Aber das einmal dahingestellt, erwarte ich geradezu, dass in der Bank/Sparkasse oder Versicherung meines Vertrauens meiner Wahl ein Bild von mir besteht, dass möglichst genau mein Risikoempfinden und meine Erwartungen an die angebotene Dienstleistung abzubilden imstande ist. Wenn wir etwas durch die instituts- und kundenseitigen Fehler lernen können, die ihren – nicht unerheblichen – Teil zur Finanzkrise beigetragen haben, dann wohl, dass Produkte verkauft, bzw. gekauft worden sind, die mit dem Risikoverhalten der Kunden nicht in Deckung zu bringen waren.
Was liegt also näher, als sich vorher ein Bild davon zu machen. Dafür stehen mittlerweile vergleichsweise einfache Tools dem Vertrieb zur Verfügung, die solche Profile zu erstellen auch der Schalterelse ohne Bachelor in Psychologie ermöglichen oder dem Telefonkurt in der Filiale eines 800-Seelen-Kaffs.
Eine „Enthüllung“ wird erst draus, wenn die Profile mit amazon-Kundendaten, ebay-Profilen, facebook-Daten & Co. erstellt worden wären. Dass auch das nur noch eine Frage der Zeit sein wird, ist nicht prophetisch, sondern nur die konsequente Fortführung der Kundenkartenmentalität der Deutschen.

Der Verfasser war zwei Jahre im Finanzvertrieb einer Hamburger Aktiengesellschaft tätig.

Nachtrag: Im Filterblog bringt Jan Filter die Sache polemisch auf den empörten Punkt.