Zur „Neuen Offenheit“

Die (schnelle) Veröffentlichung der Dokumente aus den Koalitionsverhandlungen hat mich ein paar Gedanken notieren lassen, inwieweit das Auswirkungen auf die Public Affairs Branche hat.

Malte Spitz, der die 3. Fassung des KV bei gruen-digital.de am Montagabend online gestellt hatte, hat sich jetzt in seinem Blog dazu geäußert. Titel seines Postings: „Eine neue Offenheit“.

Die meisten seiner Argumente – wenngleich etwas stärker medienkritisch beleuchtend – fanden sich vorgestern schon in Stefan Niggemeiers Blogeintrag zu Spitz‘ Veröffentlichung (und dem Umgang der Printmedien damit).

Zwei Beobachtungen lassen sich formulieren:

  1. Informationsvorsprung der Journalisten schmilzt
    Die Printmedien büßen einen (weiteren) Teil ihrer Deutungshoheit ein, weil sie einen Teil des Informationsvorsprungs verlieren.
    Dass das Interesse – selbst an Zwischenständen wie im vorliegenden Fall – der Bürgerinnen und Bürger ungeahnt hoch ist, unterstreicht Malte Spitz mit der Zahl von mehr als einer halben Million Abrufen des von ihm hochgeladenen Dokuments.
  2. Geschwindigkeit der Berichterstattung nimmt weiter zu
    Es zeigt sich jedoch auch ein Anpassungseffekt: Einige Journalisten (beispielhaft sei ZEIT online genannt) haben kurz nach Vorliegen des entsprechenden Dokuments ihrer Kommentierung und Erläuterung auch gleich die Datengrundlage mitgeliefert, zum Teil sogar direkt Passagen verlinkt.

Für die Public Affairs Arbeit ergeben sich aus meiner Sicht zwei abzuleitende Thesen, vll sogar Schlussfolgerungen.

  1. Bedeutung der begleitenden Einordnung / strategischen Einschätzung wächst
    Ein Dokument lediglich schneller/früher an den Kunden gegeben zu haben, hat kaum mehr einen Nutzen (streng genommen hatte es das ohnehin nie). Eine erste Einordnung findet sich (s.o.) meist binnen Stundenfrist in den Online-Portalen der Printmedien. Deshalb wird umso wichtiger, eine sorgfältige Einordnung der Gemengelage zu liefern, d.h. der Entstehungsgeschichte des jeweiligen Dokuments inkl. einer Einschätzung, wer der beteiligten Parteien sich mit welchen Punkten (und mit welchen trade-offs!) hat durchsetzen können.
  2. Transparenz wird selbstverständlich(er)
    Eine Reihe von Abgeordneten veröffentlicht bereits heute Stakeholderkontakte auf ihrer Website, manche berichten offen über die ihnen zugegangenen Textbausteine. Die Durchlässigkeit zwischen Hauptstadtjournalisten, Mandatsträgern und interessierter Öffentlichkeit wächst.
    Es braucht also nicht zwingend Transparenzgesetze. Und es ist zu vermuten, dass ein kurzfristiges ad-hoc Lobbyieren immer weniger Aussicht auf Erfolg haben wird, weil es im Zweifel sogar zum Objekt des Spottes werden kann, wenn bspw. Abgeordnete bei Twitter Auszüge aus Anschreiben veröffentlichen.

Im Versuch, ein Fazit zu ziehen, werden Lobbyisten entweder selbst offener mit den Interessen ihrer Auftraggeber umgehen – und/oder noch stärker auf persönlicher Ebene und über „belastbare Kontakte“ Positionen einspeisen müssen.

Wer jetzt nicht schaut, bei welchen Themen und bei welchen Kunden ein etwas offeneres Vorgehen denk- und umsetzbar ist, der verpasst – so meine These – einen Entwicklungsschritt, den die Public Affairs Branche hätte selber setzen können, nun aber an die Politik und – nur scheinbar – an die NGO-Szene bereits abgetreten hat. Während mehr und mehr Abgeordnete unaufgeregt und selbstverständlich via ihrer Website oder sozialen Medien Kontaktanfragen und Gespräche offenlegen, gelingt den NGOs zumindest die Mobilisierung bei einer Reihe von Themen ganz gut. Einen Rückschluss auf die Transparenz ihrer übrigen Lobbyarbeit lässt das freilich nicht zu.

Interessant ist ürbigens auch die Rolle der Verbände, die bisher von lobbykritischen Akteuren kaum thematisiert wird. Denn Kritik richtet sich zumeist an Unternehmen oder externe Lobbyisten. Das liegt zum Teil, aber nicht nur, auch daran, dass die Verbände naturgemäß ein etwas behäbigeres Vorgehen pflegen.

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