Quo vadis Web 2.0

So langsam tritt ein Sättigungsgefühl im Web 2.0 ein. Das kann überraschen, muss aber nicht. Und es gibt (mindestens) zwei Möglichkeiten, das Phänomen zu betrachten. Entweder tatsächlich als Ausdruck eines sinkenden Interesses an der Interaktivität des Netzes oder als bloß relativen Rückgang von Aktivität. Aber der Reihe nach.

Vertritt man die erste These, kann man beispielsweise damit argumentieren, der frühe Charme des Mitmach-Netzes habe sich abgelebt, sei abgegriffen. Das mag ich nicht recht glauben, unterstellt es doch, das Netz sei nie aus pragmatischen, sondern lediglich aus Gründen der Neugierde und Faszination gewachsen.

Dagegen scheint es mir schon plausibler, von einem relativen Rückgang auszugehen. Denn wenn es nach wie vor stimmt, dass etwa 10% der Zwitschernden für 90% des Gezwitschers bei Twitter verantwortlich zeichnen, während bei sozialen Netzwerken die Aktivsten 10% lediglich 30% beitragen, ist es bei Wikipedia wiederum deutlicher: Hier sind es 15% der Autoren, die 90% der Beiträge verfassen. Wenn diese Zahlen (aus 2009) also nach wie vor aktuell sind, dann gehört nicht viel Fantasie dazu, sich zwei Nutzertypen vorzustellen:

Die Rezipierenden und die Produktiven. Mit etwas Abstand betrachtet, leuchtet auch ein, weshalb die Aktivität so stark differiert. Wäre Twitter nicht ein großes Gezirpe und geschwätziges Geschnatter, wenn ein jeder dem folgte, der ihm folgt und alle Nutzer einigermaßen gleich häufig am globalen Gezwitscher teilnähmen? Und was wäre aus der Wikipedia geworden, wenn alle Autoren sich in Artikeln zu Kamerun, Hexaeder und Salinometer gleichermaßen engagierten? Hiering liegt doch gerade der unschätzbare Vorteil einer freien Produktionsgemeinde. Ich blättere ja in der Wikipedia, weil ich mich darauf verlasse, dass die Artikel von Autorinnen und Autoren geschrieben worden sind, die sich ihrer Sache sicher waren.

Also ist es zwecklos, ein Autorensterben in der Wikipedia zu beklagen, wenn dabei weniger Autoren – relativ betrachtet – viele Artikel verfassen. Mit 1,1 Mio Artikeln ist auch hier eine gewisse Sättigung festzustellen. Und das heißt für die verbliebenen zu schreibenden Artikel: Spezialisten sind nun gefragt. (Nachtrag: BILDblog relativiert o.g. Meldung der FAZ)

Eine andere Entwicklung erscheint mir da eher einer kritischen Beobachtung wert. Was wird aus dem hehren Ziel der Open Source Gemeinde? Vor allem wenn so idealistische („We believe that the internet should be public, open and accessible“) Projekte wie die Mozilla Stiftung nicht mehr von IT-Freaks in Dachgeschosswohnungen mit Pizzaschachteln und verkrusteten Kaffetassen unterhalten werden können. So läuft beispielsweise der Vertrag mit Google 2011 aus, sodass Mozilla in einem Jahr möglicherweise auf ca. 85% seiner Zuwendungen verzichten muss. Dass der Vertrag 2008 für drei weitere Jahre verlängert wurde, mag vor allem daran gelegen haben, dass Googles hauseigener Browser Chrome noch nicht fertiggestellt war. Interessant wird im nächsten Jahr also werden, ob Google weiterhin ca. 60 Mio. $ zahlt und damit Mozilla am Leben erhält oder ob die Nutzergemeinde sich selbst an der Finanzierung beteiligen wird.

Das Netz, wie wir es derzeit gewohnt sind, muss sich also nicht über schwindendes Interesse an sich sorgen, sondern es ist die Frage zu stellen, ob große OS-Projekte wie Firefox, Thunderbird, OpenOffice uvm. ihre freie Basis behalten werden oder ob wir in naher Zukunft (vielleicht in 5 bis 10 Jahren) drei Varianten haben werden: Kommerziell, Open Source mit einem Kommerziellen Anbieter dahinter (und entsprechenden Zugeständnissen, d.h. individualisierter Werbung) und drittens freies Open Source. Vielleicht kann da das vielversprechende Cloud Computing behilflich sein.

Nachtrag vom 24.08.10: Christian Stöcker befasst sich bei carta.info mit letztgenannter Problematik: Die Kolonialmächte der Datenwolke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.